Sag nicht immer “Hä”
Das erste, das mich die Ärztin fragte, als ich nach dem Hörtest mit der Arzthelferin vor ihr saß, war: “Gibt es in Ihrer Familie auch andere Fälle von Schwerhörigkeit?”.
Die “Kurve” spräche dafür, dass es erblich ist, sehr wahrscheinlich von Geburt an. Eine Heilung gäbe es nicht. “Und das ist nie jemandem aufgefallen?”
Hinterher habe ich Mama gefragt, aber ich wusste eigentlich, dass sie mit mir penibel alle U-Untersuchungen und Check-Ups wahrgenommen hat, die vorgeschrieben oder empfohlen waren. Vielleicht war ein Frequenz-Hörtest nicht vorgeschrieben oder empfohlen? Ich kann mich nicht erinnern, als Kind einen gemacht zu haben.
Eine meiner frühsten Erinnerungen ist allerdings, wie meine Mutter zu mir sagt: “Sag nicht immer ‘Hä’. ‘Wie bitte’ heißt das. Hat Oma auch immer zu mir gesagt.” Naja!
Für den Bootsführerschein musste ich einen kurzen Hörtest machen, bei dem ein alter Seemann (so sah er wirklich aus, mit weißem Backenbart und Fischermütze) in einer Ecke des Raumes stand und Wörter geflüstert hat. Manchmal konnte ich sie verstehen, manchmal nicht. Er pampte mich an, “Jetz konzentrrrieren Se sich ma!” und dann ging es.
“Wurde also nicht ernst genommen” seufzte die Ärztin dazu, in einem Tonfall, der unangenehm danach klang, als hätte sie solche Ankedoten nicht zum ersten Mal gehört.
Vor fünf Jahren war ich bei einer anderen HNO. Sie fragte mich nach dem Hörtest, wie ich denn meinen Alltag bewältigen würde. Weil die Ergebnisse beim Frequenz-Hörtest und bei der Sprachverständlichkeit so auseinandergingen, beschloss sie dann, dass ein Fehler beim Test passiert sein müsse.
Ich bin so gewohnt, nicht ernst genommen zu werden, dass ich mir beim Warten vor dem Nachgespräch überlegt hatte, was ich bei einem normalen Testergebniss sagen würde - ist ja schon unangenehm anderer Leute Zeit zu verschwenden.
Natürlich weiß ich, dass ich in Gruppen schlecht höre, bei Umgebungsgeräuschen oder wenn Kollegen am anderen Ende des Großraumbüros mich rufen. Letztens im Park ist Aran aufgefallen, dass ich manches Vogelgezwitscher höre und anderes nicht.
Es stellt sich heraus, ich höre hohe Töne recht gut, daher kann ich Sprache verhältnismäßig okay verstehen. Tiefe Töne dagegen höre ich sehr schlecht. Schlecht genug für eine mittelgeradige Schwerhörigkeit.
Ich bin direkt mit einer Verordnung für ein Hörgerät rausgegangen. Während die Arzthelferinnen es fertig machten, lief die Ärztin durch die Praxis und sagte mehrmals zu mir: “Sie sollten das schon ausprobieren, es gibt auch ganz kleine Hörgeräte. Sie sollten schon hören können.” Irgendwie surreal, “Sie sollten schon hören können.”
Das ganze hat sich btw in einer Arztpraxis in Hermsdorf abgespielt, in der ich die einzige Kassenpatientin sein könnte. Das ausschließlich aus älteren blonden Frauen bestehende Personal war trotzdem sehr, sehr nett zu mir.
Leider hat die Ärztin mir einen halben Herzinfarkt verursacht, als sie auf meine Frage, was Hörgeräte kosten, 2.500 Euro antwortete.
Als die Arzthelferin mir die Verordnung gab, versuchte sie mir gut zuzureden: “Das ist doch nicht so schlimm. Hier kommen auch viele Kinder, die Hörgeräte tragen! Und Sie haben doch lange Haare, das sieht man gar nicht.”
Ich glaube, ihr war nicht klar, dass ich ein Body Positivity und Disability Rights indoktrinierter feministischer Fan von Donna Haraways Cyborg Manifesto bin. Ein Hörgerät tragen ist okay für mich, aber bei 2.500 Euro kommen mir die Tränen.
Komplett stimmt das natürlich auch nicht. Brillen sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, aber eine Hörbehinderung ist schon irgendwie… anders. Es ist keine Verschlechterung, die vor kurzem passiert ist. Dass ich schlecht höre ist mir mindestens seit der Abi-Zeit bewusst. Was höre ich alles nicht? Wie hört sich die Welt wirklich an? Ist sie wirklich noch lauter als eh schon?
Ich weiß jetzt glücklicherweise, dass die Krankenkasse bis zu 1.700 Euro bezuschusst, das reicht für viele Modelle.
Den Rest des Tages habe ich durch Webseiten von Hörakustikern gescrollt. Die Produkte werden beworben mit:
- Unterhaltungen in der Familie
- Unterhaltungen in Kleingruppen
- Natur genießen (Meer/ Wald/ ect.)
Und guess what, es spricht mich an. Wenn ich früher Produktbeschreibungen von Hörgeräten gelesen hätte, wäre mir vielleicht aufgefallen, dass meine Hörprobleme nicht nur vom ADHS kommen könnten.
Leider bin ich zudem exakt das, was Hörgeräte-Anbieter als “technikaffine” Zielgruppe bezeichnen. Genau genommen heißen Hörgeräte mittlerweile Hörsysteme. Akku und Bluetooth scheinen nicht Standard zu sein und kosten möglicherweise extra.
Eine kleine Aufmunterung war ein Blick auf die Pinterest-Suchanfrage “Hearing Aid Aesthetic”. Günstigere Hörgeräte, die außen am Ohr sichtbar sind, kann man immerhin bedazzlen und mit Charms und Perlen behängen.
#diary #hardofhearing